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Ein Hund im Tempel

  Ein Hund im Tempel – Sicherheitslücke oder Gotteszeichen? Zur theologisch-kulturellen Bedeutung eines Vorfalls im Arunachaleswarar-Tempel Ein Mann betritt den heiligen Tempel von Tiruvannamalai mit seinem Hund. Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Szene wirken mag – ein Pilger, ein Tier, ein Ort des Gebets – hat einen ganzen Behördenapparat aufgeschreckt: Polizei, Tempelverwaltung, Öffentlichkeit. Warum? Weil die Wirklichkeit in Indien, wie überall, mehrschichtig ist – politisch, rituell, symbolisch, spirituell. 1. Der sicherheitspolitische Reflex – und seine Berechtigung Zuerst: die Polizei. Sie ermittelt nicht, weil ein Hund ein Tempelritual verletzt hätte, sondern weil der Mann die mehrstufigen Sicherheitsbarrieren an einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Südindiens durchbrach – unkontrolliert, unbeachtet, unregistriert. Ein solcher Vorfall öffnet Türen für ganz andere Szenarien: Was, wenn es morgen ein Attentäter ist? Gerade Tiruvannamalai, wo sich Pilger aus all...

Shiva und Jesus – Berührungen im Staub

Shiva und Jesus – Berührungen im Staub  In der Religionsgeschichte wird häufig Krishna mit Christus verglichen – mitunter allein wegen der klanglichen Nähe der Namen. Doch diese Verbindung ist oberflächlich: Die übliche Lichtgestalt, der liebenswürdige Retter, der in den Ritualwelten residiert. Eine tiefere Resonanz lässt sich hingegen zwischen Shiva und Jesus finden – im Staub der menschlichen Randgebiete. Beide agieren nicht aus Palästen, sondern zwischen Unberührbaren, zerrissenen Leben und dem Gestank der Marginalität. Ihre Göttlichkeit zeigt sich dort, wo sie den Boden des Alltäglichen berühren.    Der Ort des Geschehens Jesus begibt sich zu den Ausgegrenzten: Aussätzige, Zöllner, Ehebrecher, Besessene – Menschen, die gesellschaftlich „unclean“ und tabuisiert sind. Ein prägnantes Beispiel: In Matthäus 8,1–4 spricht ein Aussätziger: „Wenn du willst, kannst du mich reinigen.“ Jesus streckt die Hand aus und berührt ihn – was nach dem jüdischen Reinheitsgesetz verbote...

The Shiva Temple of Tiruvannamalai, the Self in C. G. Jung, and the Western Sacred Church Architecture (German version also here at the end)

  The Shiva Temple of Tiruvannamalai, the Self in C. G. Jung, and the Western Sacred Church Architecture The temple is not a static mandala, but an embodied Self — and thus transcends Western notions of a central middle. The Self in Jung’s understanding is bodily, not to be misconstrued as purely spiritual: it unites instinct and intellect, body and mind, drives and sensual ecstasy. 1) The Temple of Arunachaleswarar The Arunachaleswarar Temple in Tiruvannamalai is regarded as one of the holiest Shiva temples in South India — a monumental complex infused with ritual symbolism, mythological depth, and architectural precision. Seen from above, it may at first resemble a mandala: concentric prakarams (circumambulatory corridors), four main gates in the cardinal directions, and a center housing the garbhagriha — the innermost sanctum with the lingam . A Nandi faces westward toward the shrine, while several halls, tanks, and subsidiary shrines form a seemingly balanced composition....

Indras Netz

  Zeit ist eine Täuschung – Musik aber erinnert uns„Wenn alles mit allem verbunden ist – wozu dann noch Zeit?“ Diese Frage stelltsich am Rand der Metaphysik, in der Stille nach einem Konzert, in der Tiefe einer Nacht, in der Indra’s Netz aufblitzt: jenes uralte Bildaus der vedischen Philosophie, in dem jeder Punkt des Universumsjeden anderen widerspiegelt. Unendlich. Glänzend. Ganz.Doch wir leben nicht im Ganzen. Wir leben in Momenten. Und darin: in der Musik.Musik: Ein Netz aus Klang und Gegenwart Musik ist seltsam.Sie braucht Zeit, sie fließt. Und doch hat sie die Fähigkeit, uns aus der Zeit herauszuheben. Ein einziges Themakann einen inneren Raum öffnen, in dem die Zeit nicht mehr vergeht, sondern schwebt. In dem ein Ton – obwohl längst verklungen –nachwirkt wie ein Spiegel im Netz. Eine Erinnerung, die zugleich Gegenwart ist.Ich erlebe dasbesonders in meinen eigenen Kompositionen – etwa in der Serie „Moon Above...“, in der ich meditative Elemente mit scharfen Zeitlinien konf...

Musik als geistige Anschaung - Musik und Archetyp

  Musik als spirituelle Perspektive – das klingt etwas verkopft, überintellektuell, abstrakt und substanzlos. Was ist mit Musik, die das Herz berührt, körperlich wirkt oder Musik „zerlegt“? Was ist mit Reggae, Folk, Dance, Rock, Punk, Pop usw.?  Musik beginnt nicht im Kopf. Sie beginnt im Fleisch. Im rhythmischen Stoß des Herzens. Im Schrei des Neugeborenen. In der Trommel vor der Schlacht. Im Heulen des Wolfes. Und doch entsteht aus diesem ursprünglichen Tierschrei etwas, das dem menschlichen Bild Gestalt verleiht. Nicht durch Konzepte. Sondern durch Formen.  Musik verkörpert Archetypen, bevor sie verstanden werden. Sie malt keine Bilder – sie formt innere Räume. Dort begegnen wir ihnen: der Großen Mutter – im Wiegenlied, dem Krieger – im Marsch, dem Liebenden – in der Klage, dem Betrüger – im Jazz, dem alten Weisen – in der Fuge. Diese Figuren sind nicht erfunden. Sie tauchen auf – immer wieder. Musik ruft sie hervor, als innere Bewegungen. Sie berührt nicht nur das Ohr...

The Temple Towers of Tiruvannamalai – The Aesthetics of a Tesseract

The gopurams of the Arunachaleshvara Temple rise like folded dimensions of the divine. They are not mere towers of stone, but standing mantras — architectural recitations of infinity. Every tier, every sculpted figure is a movement of expansion rather than limitation: upward, outward, inward — simultaneously. In Western geometry, such a form might be called a tesseract — the shadow of a four-dimensional body cast into three-dimensional space. The temple, too, is a projection: a visible cross-section of the unseeable, a tangible surface through which the Divine unfolds itself. What is silence within becomes ornament without. Viewed through the lens of fractal geometry , the towers embody self-similarity — the repetition of divine order at every scale. Each miniature shrine within the larger tower mirrors the whole, like the recursion of a Mandelbrot set: infinite depth within finite form. The cosmic rhythm that builds galaxies also sculpts the small lions and dancers that climb the t...

"Gott und die Ratten"

" Gott und die Ratten '  Norbert Ammermann Im Dreck, im Staub, im Tempel der Ratten - Ein Essay über das göttliche Unerwartete  Ich stand barfuß im Tempel – nicht aus Mut, sondern weil es erwartet wurde. Karni Mata , irgendwo in Rajasthan . Um mich herum: Hunderte, vielleicht tausend Ratten. Manche fraßen, manche lagen still. Manche rannten über meine Füße. Der Geruch war beißend, der Boden feucht. Und ich, als westlich geprägter Theologe , empfand zunächst nur eines: Ekel. Aber ich blieb. Vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Trotz.  Und mit jedem Atemzug – verwirrt, gedämpft, brennend – wich der Ekel einer   anderen Regung. Ich begann nicht, die Ratten zu lieben. Aber ich erkannte, dass  etwas an meinem Ekel nicht stimmte. Er war ein Reflex, kein Urteil.  Und genau in diesem Moment wurde der Ort mir heilig. Nicht schön. Heilig. Heilig, weil die Anwesenheit an diesem Ort meine Kategorien zerlegte. Denn was, wenn Gott nicht nur...